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Rettet die Riffe: Projekte gegen das globale Korallensterben

Meereserwärmung, Versauerung der Ozeane und Umweltverschmutzung: Die meisten Korallenriffe der Erde leiden immens. Aber es gibt weltweit viele Projekte, um den gestressten Nesseltieren zu helfen.

Die Acropora Muricata (Kleinpolypige Steinkoralle) gilt als besonders widerstandsfähige Koralle.
Foto: Carola Frentzen/dpa

«Gaaanz vorsichtig», sagt Tran Van Chuong und legt einer Touristin eine kleine braune Koralle mit zierlichen weißen Spitzen in die Hände. Im Taucheranzug kniet er mit ihr im seichten Wasser nahe dem vietnamesischen Urlaubsort Nha Trang vor einem weißen Metallgestell. An jedem Bindeglied wird ein Fragment der Spezies Acropora muricata angebracht – ganz vorsichtig. Die Urlauberin bringt sie behutsam in Position, dann befestigt Chuong die fragilen Nesseltiere sanft mit Kabelbinder. «Korallen sind extrem empfindlich», weiß er.

Touristen werden oft als Korallen-Killer verschrien: Ein unachtsamer Tritt mit der Taucherflosse oder eine leichte Berührung reichen aus, um Hunderte Jahre Wachstum zu zerstören. Dass Urlauber zur Rettung der bedrohten Meerestiere beitragen, ist eher die Ausnahme. Ein Projekt, das im vergangenen Jahr vom Hotel Villa Le Corail Gran Meliá in Zusammenarbeit mit einem Expertenteam der Firma Avatar ins Leben gerufen wurde, versucht genau das: Umweltbewussten Tourismus und konstruktiven Meeresschutz zu vereinen.

Ähnlich wie an anderen Traumorten weltweit sind auch in den letzten Jahren in Nha Trang viele Korallen gebleicht oder gestorben – auch aufgrund der Erwärmung im Zuge des Klimawandels. Bei zu hohen Wassertemperaturen stoßen die gestressten Nesseltiere die für ihre Färbung sorgenden Algen ab, was beispielsweise im australischen Great Barrier Reef – dem größten Riff der Welt – zu fast einem halben Dutzend Massenbleichen binnen acht Jahren geführt hat.

Korallenfressende Seesterne

In Nha Trang, das direkt am Südchinesischen Meer liegt, wurden die meisten Korallen hingegen im Jahr 2017 einem heftigen Taifun zum Opfer. Auch Meeresverschmutzung, Überfischung und ein Ungetüm namens Dornenkronenseestern haben ihnen schwer zugesetzt.

Die oft rot gefärbten Seesterne ernähren sich mit Vorliebe von Steinkorallen und sind in fast allen tropischen Gewässern des Indopazifiks heimisch. Taucher sammeln die mit Giftstacheln ausgerüsteten Tiere regelmäßig in der Bucht vor dem Hotel ein. «Das ist ein bisschen wie Unkrautjäten im Meer – und wichtig, weil sie ganz wesentlich am Absterben von Korallenriffen beteiligt sind», erklärt Hoang Do, Meeresexperte bei Avatar. 

Das Unternehmen verwendet zwei verschiedene Methoden, um neue Korallen zu züchten: Einerseits Gestelle, die Touristen sowohl in der Bucht als auch vor einer nahegelegenen Insel im Meer platzieren können. Andererseits Schnüre, an denen Bruchstücke besonders widerstandsfähiger und schnell wachsender Korallenarten in einigen Metern Meerestiefe befestigt werden. Es handelt sich um eine Art Unterwasser-Aufzuchtstation oder Korallen-Baumschule.

Was sind eigentlich Korallen?

Korallen sind wirbellose, koloniebildende Meerestiere, die aus kleinen Polypen bestehen und sich nicht fortbewegen. An ihrer Basis scheiden sie Kalk ab und bilden damit Riffe, die im Laufe vieler Jahre zu gewaltigen Strukturen heranwachsen. Auf diesen Kalkschichten leben sie in Symbiose mit winzigen Algen, die ihnen die bunten Farben verleihen und sie mit Nahrung versorgen.

«Obwohl Korallenriffe weniger als 0,2 Prozent der Erdoberfläche einnehmen, sind ein Viertel der bekannten Meeresarten auf sie angewiesen», erläutert die Umweltorganisation WWF. Sie bieten den Ozeanbewohnern Schutz und dienen ihnen als Brut- und Aufzuchtplatz.

Es gibt zwei Hauptarten von Korallen: Weichkorallen und Steinkorallen, auch Hartkorallen genannt. Im Allgemeinen können die Blumentiere zwischen 1 und 20 Zentimeter pro Jahr wachsen, wobei Geweihkorallen am schnellsten an Größe zunehmen. Neben der extrem widerstandsfähigen Acropora muricata arbeitet Avatar in Nha Trang auch mit anderen Steinkorallenarten wie der cremefarbenen Porites rus mit ihren vielen dünnen Ästen, der buschbildenden Pocillopora damicornis und der Acropora hyacinthus, auch Tischkoralle genannt.

Sind die Fragmente stark genug, werden sie auf künstliche Riffe aus Beton «transplantiert». Beim Schnorcheln können Urlauber nicht nur die Aufzuchtstation und mehrere bereits vorbereitete, aber noch kahle Beton-Riffe sehen, sondern auch das Ergebnis der harten Arbeit. Mehrere künstliche Riffe sind bereits über und über mit Korallen bedeckt, zwischen denen sich tropische Fische tummeln. 

Erfolge in kürzester Zeit

«Touristen sind immer völlig baff, wenn wir ihnen erzählen, dass wir diese Korallen erst Anfang 2023 gepflanzt haben», sagt Hoang Do. Ein Franzose nickt zustimmend, während er sich am Strand Flossen und Schnorchel abstreift: «Es ist wirklich erstaunlich. Ich hätte nie gedacht, dass es in so kurzer Zeit möglich ist, ein neues Riff zu erschaffen.» 

Am gerade im Meer platzierten Gestell mit Dutzenden Acropora muricata-Fragmenten – die nun ebenfalls ihren Wachstumsprozess starten – wurde eine kleine Plakette mit dem Namen des Touristen und den genauen Koordinaten angebracht. Das Hotel Villa Le Corail wird ihn regelmäßig über den Fortschritt «seiner» Korallen informieren – ein besonderer Service für alle, die aktiv am Aufbau des neuen Riffs mitwirken.

Auf der ganzen Welt gibt es zahlreiche Methoden, um Korallenriffen in Not zu helfen. Korallen werden nicht nur im Meer, sondern auch in Aquarien und an Land in Farmen gezüchtet. Neben künstlichen Riffen wird versucht, beschädigte Riffe durch das Einpflanzen neuer Korallen zu retten. Wissenschaftler arbeiten auch an der Züchtung von Korallenhybriden, die mit höheren Wassertemperaturen umgehen können. Es wird nach einer Art Superkoralle gesucht, die den Auswirkungen des Klimawandels standhalten kann.

Bei dem katastrophalen Zustand der meisten Riffe mögen die Bemühungen wie ein Tropfen auf den heißen Stein – oder besser gesagt: Ozean – erscheinen. Dennoch zeigen sie, dass Rettung – wenn auch bisher in kleinerem Maßstab – durchaus möglich ist. Eine Auswahl weiterer Projekte:

Unterwassermuseum in Pazifik und Karibik

Ebenso kann Kunst dazu beitragen, die Aufmerksamkeit auf die Probleme der Meere zu lenken. Seit 2006 hat der Brite Jason deCaires Taylor Hunderte von Skulpturen aus umweltfreundlichen Materialien in der Karibik und im Pazifik auf dem Meeresboden platziert, die sich im Laufe der Zeit zu künstlichen Korallenriffen entwickeln.

«Die Skulpturen schaffen einen Lebensraum für Meereslebewesen und veranschaulichen gleichzeitig die Zerbrechlichkeit des Menschen und seine Beziehung zur Meereswelt», heißt es auf Taylors Website. Die Installationen locken Touristen an die künstlichen Korallenriffe und tragen so auch zur Erholung der natürlichen Riffe bei.

Der Künstler und frühere Tauchlehrer errichtete vor Cancún in Mexiko das bisher größte Unterwassermuseum der Welt mit lebensgroßen Skulpturen. Zum Beispiel sitzt unter Wasser ein Mann auf einem Sofa vor dem Fernseher. Algen und Korallen verwandeln die Kunstwerke in lebendige Figuren, die sich kontinuierlich verändern.

«Geburtshilfe» aus dem Aquarium-Labor 

Das vier Meter hohe Korallenriff im Naturkundemuseum California Academy of Sciences in San Francisco zählt zu den größten Innenraum-Riffen der Welt. Aber hinter der bunten Kulisse mit leuchtenden Fischen wird auch geforscht: Im Rahmen der «Hope for Reefs»-Initiative arbeitet das Aquarium seit 2016 an der künstlichen Nachzucht von Korallen, die anschließend im Meer ausgesetzt werden. Es sei die erste Einrichtung in den USA, die Korallen in einer Aquarien-Anlage zum gleichzeitigen Laichen bringen konnte, sagen die Wissenschaftler. Denn der Prozess ist im Labor schwer nachzuahmen. 

Die Forscher sammelten Korallen rund um den Pazifikstaat Palau und schufen im Labor Bedingungen, die diesen möglichst ähnlich sind. Die Umstände müssen präzise sein, um die Korallen zur geschlechtlichen Fortpflanzung zu stimulieren – von der Temperatur über Licht und Strömungen bis hin zum Mondzyklus.

Nur einmal im Jahr laichen Korallen ab, egal ob im Meer oder unter künstlichen Bedingungen. Dann geben sie kleine Ei- und Spermienpakete ab, die zur Wasseroberfläche treiben. Der spektakuläre Unterwasser-Schneesturm wird «Coral Spawning» genannt. 

Mitarbeiter fangen die kleinen Bündel mit Netzen ab und mischen Eier und Spermien verschiedener Kolonien, um sie zu kreuzen. Ende 2023 hieß das Labor in einem kurzen Zeitfenster tausende Korallenbabys willkommen. Durch Züchtung wollen die Forscher Embryonen und Larven gewinnen, die auch unter Stressfaktoren – wie steigenden Temperaturen – überleben.

Mikrofragmentierung auf den Bahamas

Nach ihrem Studium haben vor etwa fünf Jahren zwei US-Amerikaner im karibischen Inselstaat Bahamas eine kommerzielle Korallenfarm namens Coral Vita gegründet. Sie verwenden die Technik der Mikrofragmentierung, um Korallen besonders schnell zu züchten – bis zu 50 Mal schneller als in der Natur, behaupten sie.

Korallen aus den Riffen in der Umgebung werden in Freeport auf der Insel Grand Bahama in Wassertanks gezüchtet, um sie dann wieder in die Riffe zu setzen. Die gezüchteten Korallen sollen innerhalb von Monaten statt Jahrzehnten reifen und auch widerstandsfähiger gegen wärmeres und saureres Meereswasser werden.

Man kann die Farm in Freeport besuchen, Korallen können «adoptiert» werden, und Spenden werden von der mexikanischen Biermarke Corona verdoppelt. Coral Vita war 2021 einer der ersten Empfänger des vom britischen Thronfolger Prinz William ins Leben gerufenen Earthshot Prize. 

dpa