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US-Hilfskürzungen – Sorge und Panik bei HIV-Infizierten

Medizinisches Personal im Zwangsurlaub, HIV-Infizierte in Panik: Obwohl manche Behandlungsprogramme fortgesetzt werden, ist das Einfrieren der US-Hilfsgelder für HIV-Infizierte in Afrika dramatisch.

Ein Wandgemälde macht auf HIV/Aids in Afrika aufmerksam (Archivbild)
Foto: picture alliance / dpa

Die 39 Jahre alte Molly wirkt vital und energiegeladen – dass sie mit HIV infiziert ist, sieht man ihr nicht an. Doch nach der Entscheidung der US-Regierung, Hilfsgelder für 90 Tage einzufrieren, ist die alleinerziehende Mutter zweier Kinder in großer Sorge. «Als ich das hörte, habe ich geweint und gesagt, möge Gott uns helfen», sagt sie. «Ich weine immer noch, weil ich dachte, dass ich länger leben würde. Jetzt bin ich mir nicht mehr sicher, dass das passiert.»

Molly wurde vor acht Jahren positiv auf HIV getestet. Seitdem nimmt sie antiretrovirale Medikamente ein, um das Virus unter Kontrolle zu halten und ihre Gesundheit stabil zu halten. Bisher ist die Krankheit bei ihr nicht ausgebrochen. Sie verdient ihren Lebensunterhalt, indem sie gebratene Bananen auf der Straße in ihrem Heimatdorf in Uganda verkauft. Dies reicht für ein sehr bescheidenes Auskommen, aber nicht, um möglicherweise privat Medikamente zu kaufen.

Die Trump-Regierung wird in den USA rechtlich angefochten. Es ist noch unklar, ob die Gelder langfristig gekürzt oder vollständig gestrichen werden.

ARV-Medikamente sind wichtige Überlebenshilfe

In Uganda gibt es Hunderttausende Patientinnen und Patienten mit HIV/Aids. Besonders im südlichen und östlichen Afrika ist die Krankheit verbreitet. In den 90er Jahren bedeutete eine HIV-Diagnose ein Todesurteil, aber jetzt können Patienten in afrikanischen Ländern, die ARV-Medikamente erhalten, mit der Krankheit leben.

Nun sind die Angst und Verzweiflung groß. «Sowohl unter den Verantwortlichen als auch unter den Patienten herrschen Angst und Panik», sagt Nelson Musoba, Direktor der staatlichen Ugandischen Aids-Kommission (UAC) der Deutschen Presse-Agentur. «Es besteht Sorge, dass die antiretroviralen Medikamente ausgehen. Jede Unterbrechung kann zu Problemen führen.»

Patienten fürchten um Überlebenschancen

Auch Jane Frances Kannyange, die 70 Jahre alt ist, fragt sich, wie lange sie ohne Medikamente überleben kann. Seit den späten 90er Jahren ist sie HIV-positiv, aber erst als ihr Ehemann 2002 an Aids starb, erhielt sie Zugang zu Medikamenten. Diese haben ihr geholfen zu überleben, aber die 70-Jährige ist erschöpft und oft krank, da ihr Immunsystem geschwächt ist.

«Nach Trumps Ankündigung hat mich mein Arzt angerufen und gefragt, ob ich genug Medikamente habe», erzählt sie. «Er sagte mir, dass die Klinik, in die ich immer gehe, schließt. Als ich das gehört habe, bin ich ohnmächtig geworden.»

Erfolge im Kampf gegen Aids sind nun bedroht

Der UAC-Direktor Musoba warnt davor, dass die Erfolgsgeschichte Ugandas im Kampf gegen HIV und Aids durch fehlende US-Hilfsmittel gefährdet ist. In den 1990er Jahren lag die Infektionsrate bei 30 Prozent, dank eines ehrgeizigen Programms beträgt sie jetzt nur noch 5 Prozent. Während im Jahr 2010 noch 53.000 Menschen in Uganda an der tödlichen Immunschwächekrankheit und ihren Folgen starben, waren es 2023 nur noch 20.000. Etwa 1,5 Millionen Menschen in Uganda leben mit dem Virus, wobei rund 1,3 Millionen ARV-Medikamente erhalten.

«Es besteht das Risiko, dass die Erfolge zunichtegemacht werden», betont Musoba. Das gelte auch für die erneute Stigmatisierung HIV-positiver Menschen. Das ugandische Aids-Programm mit einem jährlichen Budget von 500 Millionen Dollar wurde bislang zu 70 Prozent aus US-Mitteln finanziert. Laut UAC hat das US-Programm Pepfar nicht nur ARV-Medikamente und HIV-Testkits bereitgestellt, sondern auch die Gehälter von mehr als 4.300 ugandischen Klinikmitarbeitern und 16.000 Gesundheitshelfern der Gemeinden bezahlt. 

Kein Geld mehr für medizinisches Personal

Viele der Mitarbeiter des Gesundheitssystems sind nun ebenso rat- und hilflos wie ihre Patienten. Matthew Nsiimamukama, der in einer HIV-Klinik nahe des Flughafens von Entebbe arbeitet, wird täglich von seinen Patienten gefragt, ob sie auch in Zukunft noch Medikamente bekommen. «Die Leute geraten in Panik. Sie kommen schon vor dem Termin und stellen viele Fragen zur Situation», schildert er die Lage in der Klinik. «Wir sind auch besorgt, weil die Zeit kommen könnte, in der es keine Medikamente mehr gibt.»

Ein junger Arzt, der für das Institut für ansteckende Krankheiten in Kampala gearbeitet hat, das ebenfalls einen bedeutenden Teil seiner Mittel für die Bezahlung von Mitarbeitern aus dem Pepfar-Programm erhielt, ist nach eigenen Angaben nach Trumps Ankündigung arbeitslos. «Die Ankündigung war eine sehr traumatische Entscheidung», erzählt er. «Ich bin jetzt 90 Tage lang unbezahlt beurlaubt. Ohne Bezahlung weiß ich nicht, wie ich für meine Familie, meine Kinder sorgen soll.» Wie es nach den 90 Tagen weitergeht, weiß er nicht.

Programme auch in anderen afrikanischen Ländern wurden eingestellt

Uganda ist kein Einzelfall. Die Hilfsorganisation «Ärzte ohne Grenzen» (MSF) berichtet, dass in Südafrika viele Gesundheitseinrichtungen geschlossen wurden, in denen durch Pepfar finanzierte Organisationen HIV-Programme angeboten haben. In Mosambik musste eine wichtige Partnerorganisation von Ärzte ohne Grenzen, die umfassende HIV-Programme anbot, ihre Tätigkeit vollständig einstellen. In Simbabwe haben den Angaben zufolge die meisten Organisationen, die HIV-Programme anbieten, ihre Arbeit ebenfalls eingestellt, weil die Finanzierung und der Kauf von Medikamenten nicht mehr ausreichend gesichert sind. Andere Geber können die entstandenen Lücken nicht schnell genug füllen.

Es gebe zwar eine begrenzte Ausnahmeregelung vom Einfrieren der Hilfsgelder, die einige Aktivitäten abdecke, «aber unsere Teams sehen in vielen Ländern, dass Menschen bereits den Zugang zu lebensrettender Versorgung verloren haben und nicht wissen, ob oder wann ihre Behandlung fortgesetzt werden kann», sagt Avril Benoît, Geschäftsführerin von MSF in den USA. «Diese Unterbrechungen werden Menschenleben kosten und jahrelange Fortschritte bei der Bekämpfung des Virus zunichtemachen.» 

Auch Aids-Forschung bedroht

Im Bereich der HIV- und Aids-Forschung drohen ebenfalls Rückschläge. Laut UNAIDS leben in Südafrika, wo 8,45 Millionen der knapp 40 Millionen HIV-positiven Menschen weltweit leben, eine entscheidende Rolle in dieser Forschung, wie Ntobeko Ntusi, der Präsident des Südafrikanischen Rats für Medizinische Forschung (SAMRC), betont.

Zurzeit ist Südafrika der größte Empfänger von Fördermitteln der Nationalen Gesundheitsinstitute NIH außerhalb der USA. Die NIH ist eine Behörde für biomedizinische Forschung des US-Gesundheitsministeriums. Wenn diese Finanzmittel gestrichen würden, wären die Auswirkungen nicht nur für Südafrika katastrophal, sondern für die ganze Welt, so Ntusi. Viele weltweit relevante Studienergebnisse zu HIV, wie Prävention und Behandlung, stammen daher aus Südafrika und Uganda.

dpa