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USA steht doppelte Zikaden-Invasion bevor

Sie schlummerten jahrelang im Boden, jetzt ist es so weit: Eine Zikaden-Invasion startet. Experten rechnen in Teilen der USA mit mehr als einer Billion der Insekten. Dabei wird es richtig laut.

Alle paar Jahre kommt es in den USA zu einem biologischen Schauspiel: Milliarden Zikaden kriechen aus der Erde.
Foto: Carolyn Kaster/AP/dpa

Dieses Jahr erleben die USA im Frühling ein ungewöhnliches biologisches Phänomen: eine doppelte Zikaden-Invasion. Abermilliarden dieser Insekten werden Teile des Landes bevölkern. Manche Experten gehen sogar davon aus, dass bis Juni mindestens eine Billion der lautstark zirpenden Zikaden zu hören sein werden. Für Menschen, die Insekten nicht mögen, ist dies ein Albtraum, obwohl die Tiere harmlos sind. Die Zikaden, die an ihren roten Augen zu erkennen sind, haben lange auf ihren Auftritt gewartet: Ihre Nymphen – vergleichbar mit Larven bei anderen Insekten – haben sich schon vor vielen Jahren in der Erde vergraben. Im Frühling kommen sie nun nachts aus dem Boden gekrochen, sobald die Erdtemperatur auf etwa 18 Grad angestiegen ist.

«Nahe am Lärmpegel einer Flugzeugturbine»

Nach dem Schlüpfen häuten sich die Nymphen, legen ihre Außenskelette – schwarze Chitinpanzer – ab und bevölkern die Bäume. Die männlichen Insekten der Gattung Magicicada beginnen dann, mit ohrenbetäubendem Zirpen eine Partnerin für die Fortpflanzung anzulocken. «In Gebieten mit hoher Konzentration, wenn alle Männchen gleichzeitig zirpen, kann es bis zu 110 Dezibel laut werden, was nahe am Lärmpegel einer Flugzeugturbine ist», erklärt der Entomologe Floyd Shockley vom Smithsonian Naturkundemuseum in Washington der Deutschen Presse-Agentur. «Wenn ich in einem Gebiet mit hoher Zikaden-Konzentration bin, nutze ich oft Ohrstöpsel, weil das nahe an einem Level ist, bei dem Gehörschäden entstehen.» Experten vergleichen schon das Zirpen einer einzelnen männlichen Zikade mit dem Lärm eines Rasenmähers oder eines Motorrads. 

Diese Kombination gab es zuletzt 1803

Dieses Jahr sei besonders bedeutend, weil es zwei riesige Schwärme etwa zur gleichen Zeit geben werde, sagt der Insektenforscher. Diese Kombination, inklusive wahrscheinlich einer kleinen geografischen Überschneidung der Schwärme, habe es zuletzt vor 221 Jahren gegeben, also 1803. «Niemand, der heute am Leben ist, wird das nochmal erleben», betont er. Der größte Schwarm zyklisch auftretender Zikaden, die sogenannte Brut XIX (römisch 19), schlummerte 13 Jahre unter der Erde, die Brut XIII (13) sogar 17 Jahre. Damals regierte in den USA noch George W. Bush als Präsident, 2007 war auch das Jahr, in dem das erste iPhone auf den Markt kam. Warum die Zikaden sich an bestimmte Erscheinungszyklen halten, können Wissenschaftler nicht sicher sagen. 

Forscher rechnen mit Billionen Zikaden

Experte Shockley geht davon aus, dass in den 17 betroffenen US-Bundesstaaten von April bis Juni über eine Billion Zikaden schlüpfen dürften, also mehr als 1000 Milliarden. «Es dürften auf jeden Fall mehr als eine Billion werden, vielleicht mehrere Billionen.» Auch Forscher der Universität von Connecticut gehen für dieses Jahr von mehreren Billionen Zikaden aus. Die Insekten werden sich vor allem in Waldgebieten niederlassen, eher weniger auf landwirtschaftlichen Flächen oder in städtischen Grünanlagen. Wenn man von etwa einer Billion Zikaden ausgehe und die jeweils zwei bis drei Zentimeter langen Insekten aneinander ketten würde, ergäbe sich eine schier endlose Kette. «Sie würde mehrere Male zum Mond und zurück reichen», schätzt Shockley. 

Die letzte größere Zikaden-Welle trat 2021 auf, als Brut X geschlüpft war. In diesem Jahr werden voraussichtlich Ende April die ersten großen Schwärme in südlichen US-Bundesstaaten wie Mississippi, Alabama und Georgia auftreten, sobald der Boden durch frühlingshafte Temperaturen ausreichend erwärmt ist. Im Mai wird sich die Brut XIX, auch bekannt als Große Südliche Brut, in Richtung Norden und zur Ostküste ausbreiten. Spätestens im Juni wird es auch in Illinois im Norden der USA losgehen: Im Süden des Bundesstaats wird sich die Brut XIX verbreiten, während in der Nordhälfte und den angrenzenden Bundesstaaten die Schwärme der kleineren Brut XIII, auch bekannt als Nördliche Illinois Brut, auftreten.

Auf die Fläche von etwa einem halben Fußballfeld könnten in manchen Gebieten Experten zufolge mehr als eine Million Zikaden kommen. «In Teilen Chicagos mussten sie das letzte Mal, als die Brut XIII geschlüpft war, Straßen und Gehwege mit Schaufeln von den toten Zikaden befreien», schildert Shockley. 

Tote Zikaden als Bodendünger und Vogelfutter

Zikaden, die sich vor allem von Pflanzensäften ernähren, sind jedoch nicht mit einer biblischen Heuschreckenplage vergleichbar: Während ihres bis zu sechs Wochen kurzen Lebens nach dem Schlüpfen plündern sie keine Äcker und verwüsten keine Landschaften oder Gärten. Im Gegenteil: Wenn die erwachsenen Zikaden massenhaft sterben, werden ihre leblosen Körper den Boden düngen. «Das ist gut für die Bäume», betont Shockley. 

Zikaden haben nur begrenzte Verteidigungsmöglichkeiten und sind auch keine guten Flieger, manchmal fallen sie einfach zu Boden – was Vögeln, Eichhörnchen und anderen Tieren reichlich Nahrung bietet. Viele werden gefressen, aber ihr Überleben basiert auf der Massenproduktion. Wenn die Männchen mit ihrem lauten Werben erfolgreich sind und die Weibchen befruchtet sind, schlitzen letztere junge Baumzweige auf und legen ihre Eier dort ab. Die erwachsenen Zikaden sterben kurz nach ihrer ersten und letzten Fortpflanzungshandlung. Nach einigen Wochen schlüpfen die Nymphen, die dann jahrelang im Boden leben. Dort ernähren sie sich von einer nährstoffreichen Flüssigkeit, die sie aus Baumwurzeln saugen. Im Jahr 2037 bzw. 2041 werden dann die nächsten Generationen der Brut XIX und Brut XIII schlüpfen.

dpa