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Verwandtschaftsnetze werden weltweit deutlich kleiner

Die Zeiten der Großfamilien sind in den meisten Ländern schon länger vorbei. Die Zahl der Verwandten schrumpft. Und das auch in Weltregionen, wo es heute noch große Familienstrukturen gibt.

Familien werden immer kleiner.
Foto: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Die Zahl der Verwandten, die ein Mensch hat, wird in naher Zukunft voraussichtlich um mehr als 40 Prozent abnehmen. Eine 65-jährige Frau habe global betrachtet heute im Durchschnitt 45 lebende Verwandte. «Im Jahr 2095 wird eine gleichaltrige Frau im Durchschnitt nur noch 25 lebende Verwandte haben», berichteten die Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung (MPIDR) in Rostock. Der größte Rückgang werde dabei in Südamerika und der Karibik erwartet.

Laut Diego Alburez-Gutierrez, dem Leiter der Forschungsgruppe Ungleichheiten in Verwandtschaftsbeziehungen am MPIDR, würden die Veränderungen in Nordamerika und Europa, wo die Familien schon heute vergleichsweise klein seien, weniger ausgeprägt sein. Die Studie wurde kürzlich von ihm zusammen mit Ivan Williams von der Universität Buenos Aires und Hal Caswell von der Universität Amsterdam veröffentlicht.

«In Deutschland konnte eine 65-Jährige im Jahr 2023 erwarten, durchschnittlich 15,8 lebenden Verwandte zu haben», so Alburez-Gutierrez. Nach der Projektion wird sie 2050 nur noch 15 und 2095 – statistisch gesehen – nur noch 14,1 Verwandte haben. In der Schweiz sinken die Zahlen von 18,7 (2023) auf 16,7 (2050) und 14,6 (2095). Betrachtet wurde insgesamt ein Zeitraum von 1950 bis 2100 in Fünf-Jahres-Intervallen.

Forscher sehen große gesellschaftliche Herausforderungen

Die Wissenschaftler analysierten historische und prognostizierte Daten aus der Ausgabe 2022 der World Population Prospects der Vereinten Nationen für ihre Studie. Sie dokumentierten weltweit Variationen in der Größe von Familien, welche sie als Anzahl der lebenden Urgroßeltern, Großeltern, Eltern, Kinder, Enkel und Urenkel, Tanten und Onkel, Nichten und Neffen, Geschwister und Cousins definierten. Für jedes Land wurden 1000 Stammbäume untersucht.

Gemäß den Angaben wird in der Region Südamerika/Karibik im Jahr 2095 voraussichtlich nur noch eine 65-jährige Frau im Durchschnitt 18,3 lebende Verwandte haben, im Vergleich zu den 56 Verwandten im Jahr 1950. Dies bedeutet einen Rückgang um 67 Prozent. Aufgrund struktureller Veränderungen in Familien wird es wahrscheinlich mehr Großeltern und Urgroßeltern geben, die zur Verfügung stehen. Theoretisch könnte dies dazu beitragen, die Eltern bei der Kinderbetreuung zu entlasten. Allerdings könnten diese (Ur-)Großeltern in der Realität auch pflegebedürftig werden.

Die Studie unterstreicht aus Sicht der Forscher die Notwendigkeit, in soziale Unterstützungssysteme zu investieren, die das Wohlergehen der Menschen in allen Lebensphasen gewährleisten. Alburez-Gutierrez: «Diese seismischen Verschiebungen in der Familienstruktur werden wichtige gesellschaftliche Herausforderungen mit sich bringen, die von politischen Entscheidungsträgern im globalen Norden und Süden berücksichtigt werden sollten.»

dpa